Montag, 14. Mai 2007

Eine andere Logik

Die Reportage zum Papstbesuch ist jetzt online in der ZDF-mediathek verfügbar. Und ich möchte noch auf eine andere Reportage hinweisen, die zwar nichts mit dem Papst zu tun hat, aber auf einem ganz anderen Weg zur gleichen Frage gelangt: Wie kann man die Strukturen verändern, die die einen gewinnen und die anderen verlieren lassen? Aus der Reihe SWR2-Wissen der Beitrag "Die Faust der reichen Welt" von Falk Fischer (zum Hören und Lesen).

Das Feature erzählt unter anderem die völlig verrückte Geschichte der europäischen Tomaten, die im südspanischen "Plastikmeer" wachsen, auf riesigen subventionierten Plantagen. Die Tomaten sind so billig und so zahlreich, dass sie nach Afrika verkauft werden und dort zu Spottpreisen die Märkte überschwemmen. Der Autor berichtet, dass man in ganz Afrika kaum mehr heimische Tomaten bekommt, weil die europäischen so billig sind - und so ist das auch mit Hühnern, Milch und anderen Produkten. Die subventionierte Massenware nimmt aber den Menschen vor Ort die Arbeitsmöglichkeiten, denn es lohnt sich nicht mehr, selbst Tomaten anzubauen oder Hühner zu züchten. Und so wandern viele Afrikaner aus, nehmen den beschwerlichen und gefährlichen Weg nach Norden auf sich und landen, wenn sie nicht unterwegs sterben, wo? Natürlich in Südspanien, wo sie dann auf den Tomatenplantagen arbeiten. Ein Teufelskreis.

Wie kann man solche Strukturen überwinden, in denen jeder Beteiligte Täter ist und sich selbst zugleich als Opfer sieht. Das Feature mündet in die Überlegung, ob unser Machbarkeitswahn, der dem Turmbau zu Babel ähnelt, nicht in eine Sackgasse läuft. Mit reiner Vernunft, sind die Probleme nicht lösbar. Es braucht eine "andere Logik".

Und das ist meiner Meinung nach das, was unter anderem der Papst, in Lateinamerika zu sagen versucht hat: Es braucht die Logik des Glaubens, die die Dinge auf den Kopf stellt. Eine christliche Logik der Liebe, die unlogisch ist, weil sie nicht den eigenen Vorteil sucht. Und diese Logik, sagt der Papst, kann nur aus jedem einzelnen Individuum heraus erwach(s)en, sobald man versucht, sie zu institutionalisieren, wird sie zur Ideologie und anfechtbar. Ein nachvollziehbarer und sehr wichtiger Aspekt. Diese Perspektive hat der Papst wahrhaft auf die Spitze getrieben, indem er nicht nur an das Volk, sondern ganz konkret an die Politiker appelliert hat, ehrlicher zu sein und sogar die Drogendealer aufruft, das Unheil, das sie anrichten zu erkennen und umzukehren - Gott werde sie für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen.

Trotzdem erscheint mir das alles noch ein wenig schwammig: ehrlich sein, Gutes tun ... ich frage mich, ob es genügt, es bei moralischen Appellen zu belassen (zum Beispiel den Verzicht auf Verhütungsmittel und sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe).

Donnerstag, 10. Mai 2007

Hoffnung für die Armen?

Auf den ersten Blick klingt der Aufruf des Papstes im Fußballstadion in Sao Paulo an die Jugend doch ganz prima und es ist ja nur der Höhepunkt in einer Reihe von interessanten Appellen des Papstes, unter anderem auch zu mehr Einsatz für den Schutz des Amazonas-Gebietes: "Ihr könnt die Hauptfiguren einer neuen Gesellschaft sein, ... die gerechter ist und solidarischer, versöhnt und friedlich, ohne Gewalt und Hass, die das ganze Leben schützt, die demokratische Ordnung und das Gemeinwohl fördert und die bestimmte Formen der Diskriminierung beendet, die es in den lateinamerikanischen Gesellschaften gibt, kurzum: eine Gesellschaft, die nicht ausschließt, sondern den gegenseitigen Austausch fördert."
Man hört und staunt.

Aber bei genauerer Betrachtung der Rede, kommen einem dann doch Fragen: Hat der Papst wirklich eine Vorstellung von der Lebensrealität Jugendlicher in Lateinamerika, einem Kontinent, wo ungefähr jeder zweite unterhalb des Existenzminimums lebt, d.h. nicht genug zu Essen hat? Würde man nicht erwarten, dass er diese Realität anspricht und dann zumindest ein Wort der Solidarität spricht? Stattdessen beschäftigen den Papst andere Themen: Sexualität, speziell Sex vor der Ehe, Abtreibung usw. Letztlich dreht sich doch wieder alles um die Frage der persönlichen Moral und Integrität - schön sauber bleiben, das ist die Devise. Nicht verkehrt - aber nicht genug.

Geht es nach dem Papst und seinen Getreuen, dann hat die Kirche nicht mit einer politischen Stimme zu sprechen, sondern mit einer moralischen. Gute Menschen bringen eine gute Gesellschaft hervor, so lautet die Formel. Praktisch heißt das: Priester und Ordensleute predigen christliche Moral und die Gläubigen leisten Folge und so verändert sich dann die Gesellschaft zum Guten. Bei der Heiligsprechung des Wunderheilers Frei Galvao hat der Papst das noch einmal unterstrichen: Die wahre Revolution kommt von den Heiligen, was einige Beobachter als Breitseite gegen die Befreiungstheologie verstehen.

Keine Revolution bitte, sondern Moral. Auf einem Kontinent, wo nach Jahrzehnten voller Krieg und Gewalt trotz des derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwungs der Graben zwischen Arm und Reich nach wie vor immens ist - die neoliberalen Ideen haben nicht wirklich etwas geändert, scheint es - fragen sich nun die befreiungstheologisch Inspirierten, wie das gehen soll: Moral ohne Politik. Wo ist da die Grenze? In einem Teil der Welt, wo die Menschen, die sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen immer noch ihr Leben auf's Spiel setzen, könnten die Appelle des Papstes fast ein wenig zynisch wirken: Wir halten uns raus und ihr haltet den Kopf hin.

Die "Option für die Armen", die die lateinamerikanischen Bischöfe einst, vor fast 40 Jahren, in Medellín, Kolumbien, beschlossen haben, steht jetzt vor der Eröffnung der nächsten Konferenz der Bischöfe, die am Sonntag in Aparecida beginnt, in Frage. Eine Entscheidung für die Armen, beinhaltet auch eine klare politische Position: an der Seite der Armen stehen heißt für ihre Rechte streiten, und das ist ja - nebenbei erwähnt - keine Erfindung von Karl Marx, sondern steht schon in der Bibel: Da ist die prophetische Tradition des ersten Testaments und das klare politische Programm beispielsweise des Lukasevangeliums, wo Jesus sagt, er sei gekommen, die Gefangenen zu befreien usw.

Man liest, dass die Brasilianer ganz erstaunt sind über den Papst. Sie hatten den strengen Joseph Ratzinger erwartet und erleben jetzt mit Benedikt XVI. die gleiche Überraschung, die wir schon hinter uns haben: Dieser bescheidene, alte Mann, der in dem ganzen Trubel um sich herum so hilflos wirkt und irgendwie auch ganz "süß". Wahrscheinlich ist er ja tatsächlich hilflos, weil das reale Leben eben nicht zwischen zwei Buchdeckel passt, sondern einem immer wieder zwischen den Fingern hindurchgleitet. Und das macht Angst - und die ist kein guter Berater.
Hoffnung für die Armen? Diese Frage müssen letztlich nicht wir dem Papst stellen oder der Kirche, sondern uns selbst (denn wer ist überhaupt "die Kirche"?). Warum organisieren wir nicht einen Aufruf in deutschen Kirchengemeinden - zusammen mit den evangelischen, dann sind wir viele - fortan vegetarisch zu leben und höchstens noch Sonntags Biofleisch zu essen, um damit gegen die Rodung des Amazonas zu protestieren, der größtenteils deshalb abgeholzt wird, damit dort Soja angebaut werden kann, das dann zu Viehfutter verarbeitet wird, mit dem wir die Tiere mästen, die wir dann hier schlachten und essen.

Übrigens: Die Reportage zum Papstbesuch läuft am Sonntag, 13.5. um 0.30 Uhr im ZDF. Wiederholungen am Montag um 14.00 Uhr und um 18.00 Uhr in Phoenix.