Donnerstag, 18. Dezember 2008

Der Kardinal von Köln

... unter diesem Titel läuft ab Samstag im ZDFinfokanal das Stück, an dem ich in den vergangenen Wochen gearbeitet habe. Es geht um den Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, der am 25.12. seinen 75. Geburtstag feiert und damit eigentlich reif wäre für den Ruhestand. Aber Kardinäle bleiben gewöhnlich länger im Amt und so hat auch Meisner vom Papst den Auftrag, bis auf Weiteres in Köln zu bleiben. Auch wenn der Kardinal beteuert, er wäre auch gerne in den Ruhestand gegangen, so ist doch auch klar, dass sein Verbleib in Köln keine Überraschung ist. Das hat er von Anfang an so gesagt: "Ich umarme meine neue Braut, die Kölner Kirche, und will ihr treu sein, bis dass der Tod Euch scheide" - hieß es 1989 bei der Amtseinführung. 
Der Film macht deutlich, dass der umstrittene Kirchenfürst von der Mediengesellschaft profitiert, die von den Säuen lebt, die sie durch's Dorf treiben kann. Ob beim Thema Abtreibung (Abtreibung = Holocaust) oder wenn es um die Kunst (Kirchenfenster und die "Entartung" der Kultur) geht - Meisner polarisiert mit seinen Äußerungen und erregt die Öffentlichkeit. Schade eigentlich für die katholische Kirche, deren Gesicht sich so im Laufe der Jahre verändert hat: Den meisten ist Kirche ja inzwischen egal, Meisner ist vielleicht noch interessant, weil man sich gerne an Buhmännern abarbeitet. Aber wenn man es genau betrachtet, sind die eigentlich Anliegen unter den Tisch gefallen: Wenn es zum Beispiel um Abtreibung geht, traut man Kirchenvertretern ja gar kein vernünftiges Urteil mehr zu. Also rollen alle nur noch die Augen und schütten womöglich das Kind mit dem Bade aus, denn vergessen wird bei allem, dass Abtreibung nicht nur oft keine Lösung ist, sondern Symptom für gesellschaftliche Probleme, die durch Abtreibung eben nicht gelöst werden. Da geht es um soziale Fragen, um die Situation von Frauen in der Gesellschaft und natürlich letztlich auch um das Menschenbild, das wir hier gemeinsam pflegen - oder eben nicht. Mein trauriges Fazit nach 6 Wochen intensiver Auseinandersetzung mit dem Kardinal lautet, dass Amtsträger seines Kalibers die Kirche offenbar in ein Ghetto manövriert haben, wo es zwar die besonders Frommen unter den Katholiken jetzt schön gemütlich haben, aber nichts wirklich besser geworden ist in unserem Land und in der Welt. Es hilft ja nicht, immer den anderen die Schuld zu geben für den Untergang des Abendlandes und selbst die Hände in Unschuld zu waschen. Die katholischen Konservativen machen sich die Sache meines Erachtens zu einfach, die Welt ist mehr als Schwarz oder Weiß. Und die anderen? Die sind wenige oder schweigen inzwischen vollständig, weil sie Angst haben - es war dementsprechend nicht einfach, Stimmen für den Film zu gewinnen, die Kritik üben am Kirchenverständnis des Kardinals.
Der Film ist also - das wird wohl deutlich - kein Jubeltrubel-Happybirthday-Holladrio für den Kardinal, sondern der Versuch das Bild nachzuzeichnen, das "man" sich von Kardinal Meisner machen kann. 
Sendetermine im ZDF-infokanal:
Sa, 20.12., 12.45 Uhr
Mo, 22.12., 12.45 Uhr
Di, 23.12., 7.45 Uhr
Mi, 24.12., 14.45 Uhr
Do, 25.12., 12.45 Uhr
Fr, 26.12., 14.45 Uhr
Online-Infos hier. Das Stück steht jetzt auch in der Mediathek.



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6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es war schwierig, kritische Stimmen gegen Meisner zu finden? Du meinst, unter Amtsträgern der Kirche, oder? Ansonsten gibt es doch Dutzende kritischer Stimmen Meisner gegenüber. Und es gibt ja auch mehr Themen als die Abtreibungsfrage. Wie Meisner etwa mit dem Thema Homosexualität ist für Schwule und Lesben (und auch viele andere) schwer zu ertragen. Aber Meisner kann sich wohl nicht vorstellen, dass sich Homosexuelle ihre "Neigung" nicht selber ausgesucht haben. Zudem könnte er seinen Laden ohne Schwule gleich dichtmachen. Ist das auch Thema des Films?

Stefan

Jan hat gesagt…

Naja, Leute, für die Meisner "unmöglich" ist, solche z.B., die ihn als "Hassprediger" beschimpfen - um damit selbst wieder Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - gibt es ja wie Sand am Meer. Tatsächlich ist es aber schwierig, Kleriker oder Laien im Erzbistum Köln zu finden, die öffentlich Kritik äußern. Und das nicht, weil sie etwa alle auf Meisners erzkonservativer Linie sind. Erstaunlich eigentlich, aber es hat sich offenbar so eine Art katholische Subkultur entwickelt, die völlig anders ist als das, was man in der Öffentlichkeit und in den Medien wahrnimmt: Da gibt es Katholiken, die überhaupt keine Berührungsängste mit evangelischen Christen haben und auch mit ihnen Gottesdienst feiern, obwohl das ja offiziell nicht gewünscht ist, da gibt es auch Katholiken, die dafür sind, den Pflichtzölibat abzuschaffen und Frauen zu Priestern zu weihen, da gibt es Katholiken, die finden, dass homosexuelle Partnerschaften durchaus einen Platz in der Kirche haben, weil der Maßstab für die Beziehung zwischen zwei Menschen die Liebe ist und nicht irgendein vermeintliches Naturgesetz - und denen es daher auch wurscht ist, ob ihr Priester schwul ist oder eine Hete. Das sind alles Leute, denen es eigentlich nicht egal ist, wie Kirche in der Öffentlichkeit dasteht, die der Meinung sind, dass Christen einen Beitrag zu Leisten haben zum gesellschaftlichen Zusammenleben und dem Diskurs über unsere Wertvorstellungen und ethischen Maßstäbe. - Aber die sagen nix. Die schweigen. Erst dachte ich, dass die sozusagen Angst haben, aber wovor eigentlich: Okay die Priester könnten ihren Job verlieren, aber die Laien ... ich habe den Verdacht, dass das letztlich ein generelles Problem ist, das sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft zeigt. Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen dieser Art geht es ähnlich: Da findet eine Zuspitzung statt, eine Konzentration auf wenige Gesichter, die dann im Medienzirkus Kaschperletheater machen. Über Inhalte wird dabei wenig gesprochen (als Beispiel fällt mir die öffentliche Verunglimpfung des hessischen SPD-Kandidaten Schäfer-Gümbel ein). Will sagen: Es gibt ein bestimmtes Bild von Kirche, das in den Medien gepflegt wird und das seine Protagonisten hat, wie Meisner. Die Realität sieht anders aus, aber - und das meinte ich - die ist schwer darzustellen, weil die meisten Leute eben einfach schweigen.

paulus hat gesagt…

Schade, dass der Film nicht im ZDF Hauptprogramm gesendet wird. Ich beobachte das mit Interesse, das der Öffentlich-Rechtliche Sender ein solches Portrait zur Seite schiebt. Wurden dafür Gründe genannt?

Anonym hat gesagt…

Hallo Stefan. Zu glauben, das sich in der Kirche unter den Geweihten Massen von Homosexuellen sammeln ist ein nicht tot zu kriegendes Vorurteil aber eben ein Vorurteil. Es wäre schön, wenn "Mann" auch mal glauben könnte, dass es Menschen gibt, die sich freiwillig zur Ehelosigkeit entscheiden. Das bedeutet übrigens nicht, das sie beziehungslos sind! Diese Entscheidung ehelos zu bleiben ist meines Erachtens übrigens genauso schwierig zu leben wie eine funktionierende Beziehung egal zu welchem Geschlecht. (Ich bin übrigens kein Amtsträger, hetero und verheiratet). Nur freiwillige Ehelosigkeit ist halt gerade nicht en vogue und deshalb für Nicht-(ein)Geweihte schwer nachzuvollziehen.
Aber zum Film und zu den wenigen Stimmen, die sich offenbar offen und kritisch äußern wollen: Eine autoritäre Führung bringt viele ihr untergeordnete Menschen dazu, ihre Ansichten zu leben aber nicht unbedingt an die große Glocke zu hängen. Aber gerade das finde ich an Kirche so schön: Sie lebt im individuell umgesetzten Glauben und nicht durch die Anweisungen von oben. Denn, so sagte schon der jetzige Papst in einer Anmerkung zum 2. Vatikanischen Konzil: Das Gewissen ist die letzte Instanz des Menschen vor Gott, notfalls auch gegen eine Entscheidung der Kirche. Damit meint er natürlich ein gebildetes, kein verwahrlostes Gewissen.
Menschen die öffentlich und laut extreme Meinungen vertreten fallen leider auch mehr auf als diejenigen, die einfach nur still ihre Arbeit tun. Und wenn Menschen mit extremen Meinungen in Führungspositionen über die Beschäftigung und damit die Lebensgrundlage anderer entscheiden, dann wird es in den unteren Ebenen ruhiger aber deswegen nicht auch gleich passiver. Wäre aber trotzdem äußerst interessant, was die Amtsträger für ehrliche Meinungen zum Kardinal haben. Vielleicht gibt es dazu doch noch mal eine Dokumentation mit Interviews hinter Papierwänden mit elektronisch verzerrten Stimmen ;-)

Jan Frerichs hat gesagt…

Die Frage, warum so ein Beitrag keinen Platz im Hauptprogramm hat, lässt sich einfach beantworten: Zum einen ist das Programm sehr stark durchformatiert, d.h. Sondersendungen und Sonderlängen verdrängen anderes und dann braucht es schon triftige Gründe. Bei Kardinal Meisner wäre ein solcher Anlass z.B. sein Tod. Zum anderen haben kirchliche Themen heute einfach nicht mehr die Relevanz, wie das vielleicht vor 20 Jahren noch der Fall war. Ich persönlich finde, dass der Infokanal der passende Ort für so eine Sendung ist. Die Sendung wird x-mal wiederholt und ist auch online verfügbar. Das ist sowieso die Zukunft.

Sebastian hat gesagt…

Schöner Film, Jan! Gerade die Auswahl der historischen Bilder, da bekommt man erst ein Gesamtbild, das ich so noch nicht hatte. Was mir gerade bei ihm besonders durch den Kopf geht: Er hat um sich herum ein Imperium an Gefolgsleuten geschaffen, das nicht gerade klein ist. Die Motivation dieser Leute, den Weg des blinden Gehorsams zu gehen, das eigene Denken abzuschalten und alles persönliche an der Garderobe abzugeben, finde ich erstaunlich bis beängstigend. Und die Auswirkungen fatal. Wenn ich z.B. bei irgendwelchen Gelegenheiten neue Leute kennen lerne, die in der Kirche arbeiten oder aktiv sind, dann beobachte ich oft, wie man sich erst gegenseitig belauert und vorsichtig abtastet, in welche Schublade der andere wohl gehört und wie er über gewisse Dinge denkt. Liegt man dann auf einer Wellenlänge, ist das Eis gebrochen und der Abend gerettet, wenn nicht kriege ich aus meinem Gegenüber oft gar nichts mehr raus. Ein derartiges angespanntes innerkirchliches Klima ist für mich auch das Erbe mancher Oberhirten.

Sebastian