Ganz süßer Spot, den ich gerade gefunden habe - von der Caritas:
Und wo ich gerade dabei bin: Die Südamerika Reise wirkt weiter nach. Morgen bin ich in Mülheim bei einer Tagung, zu der Adveniat eingeladen hat und darf ein Impulsreferat halten zur Situation der Kirche in Deutschland. Das habe ich mir dazu notiert:
„Das Problem der Kirchen ist, dass sie schon lange keines mehr sind", schrieb ein Journalist vor 4 Jahren, als eine bundesweite Online-Erhebung mit dem Titel „Perspektive Deutschland" nach der Glaubwürdigkeit deutscher Institutionen fragte. Magere 17 Prozent gaben an, der evangelischen Kirche uneingeschränkt zu vertrauen, bei der katholischen Kirche waren es nur noch 11 Prozent - ein harter Schlag für eine Institution, die sprichwörtlich von ihrer „Glaubwürdigkeit" lebt. Der ADAC kommt auf 64% und so ergibt sich das merkwürdige Fazit, dass die Deutschen von einem Automobilclub für ihr Leben mehr erwarten, als von der Kirche, die doch weit mehr bietet als eine Versicherung gegen Autopannen.
Da kann man müde drüber lächeln und mehr oder weniger beleidigt an die Idee vom kleinen, heiligen Rest glauben. Ich gehe aber davon aus, dass jeder hier der Auffassung ist, die Kirche müsse sich als eine Institution für alle Menschen verstehen, denn allen Menschen, allen Völkern wird im Evangelium das Heil verkündet, und deshalb muss es weh tun, wenn sich Menschen gleichgültig abwenden.
Die Studie über die religiöse und kirchliche Orientierung in den Sinus-Milieus im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz hat das Problem der Gleichgültigkeit deutlich sichtbar gemacht. Nur noch knapp ein Drittel der Gesellschaft, die Bürgerliche Mitte, die Traditionsverwurzelten und die Konservativen, vorwiegend also die ältere Generation, fühlt sich der Kirche verbunden. Ein großer Teil der Deutschen, vor allem die junge Generation, erwartet von Kirche einfach nichts mehr. Wer dieser Tatsache ins Auge sieht, kann gar nicht anders, als darin einen klassischen Missionsauftrag zu erkennen.
Die Kirche ist aus dem Blickfeld einiger Milieus einfach radikal verschwunden, bzw. hat ein negatives Image: so bei Postmateriellen, modernen Performern oder Experimentalisten. Kirche ist undemokratisch, hierarchisch, autoritär, altbacken, unmodern heißt es da. Nun ist es aber nicht so, dass Religion in den Milieus keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil: Jesus ja, Kirche nein - das ist das Motto. Der Faszination der Person und Lehre Jesu steht das Bild vom starren und geschlossenen System der heutigen Kirche gegenüber. Religion und eben die Frage nach Sinn-Glück-Erfüllung spielen sogar eine große Rolle, weil es sich dabei letztlich um die großen Lebensfragen handelt. Nur scheint sich die Kultur, insbesondere eben die „religiöse" Kultur ohne den Einfluss der Kirche zu entwickeln.
Um in dieser Situation nicht klagend und jammernd unterzugehen, sondern handlungsfähig zu bleiben, müssen wir zuerst einmal die richtige Brille aufsetzen und richtig sehen lernen - vielleicht hat Jesus deshalb auch so viele Blinde geheilt. Sehen heißt für mich in diesem Fall, den Begriff der Religion und des Religiösen nicht auf den kirchlichen Bereich zu beschränken, sondern umgekehrt, das „Profane", also die ganze Kultur und das Gesamt des gesellschaftlichen Lebens religionskritisch in Augenschein zu nehmen - den Spieß also auch mal umzudrehen, um aus der Defensive zu kommen: Wir leben in einer Welt, in der sich inzwischen die Ökonomie eine göttliche Aura zugelegt hat (was natürlich kulturgeschichtlich nichts Neues ist, man kann das schon im AT und NT finden, aber wir sehen vielleicht manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht). Die Architektur macht es sichtbar: Das Allerkostbarste war schon immer in allen Kulturen dem Allerhöchsten vorbehalten - Machu Pichi, Chartres, der Kölner Dom. Aber heute ist nicht mehr Gott das Höchste, sondern das allmächtige Kapital. Eine Religion ist entstanden, die sich der alten religiösen Begriffe und Institutionen bedient, aber man glaubt nicht mehr an Gott, sondern an das System der Marktwirtschaft, an Leistung, an Erfolg. Geld ist allmächtig, Geld kann alles. Konsumgüter, die weltweit vertrieben werden, haben die Funktion von Sakramenten übernommen, an ihnen haftet der Symbolhauch von Freiheit und Lebensfreude. Werbung übernimmt die Funktion der Verkündigung und Evangelisation. Das liturgische Jahr gestaltet sich nach den Produkten der Modemacher, nach Farben, Düften, Sprays, Cocktails, Fertigsuppen. Kirchen sind heute eher Museen - das Leben spielt in anderen Repräsentationsgebäuden: In Einkaufszentren, in den Citys - edelste Materialien, kühne Lichtdramaturgien. Die Glaspaläste der Versicherungen und Banken sind moderne Kultstätten. Die Wirklichkeit des Religiösen ist unter der Oberfläche lebendig.
Nun kann ein Christ eine Welt, in der Gott nicht an erster Stelle steht, nicht „gut" finden. Es ist eine verkehrte Welt. Sie verlangt Opfer in mehrerlei Hinsicht. Was also tun? Ich möchte an dieser Stelle den Papst zitieren: „Wir brauchen keine Angst vor der geistigen Konfrontation mit einer Gesellschaft zu haben, hinter deren zur Schau gestellter Überlegenheit sich doch Ratlosigkeit angesichts der letzten existentiellen Fragen verbirgt", sagte er im November 2006 zum Abschluss des Ad-limina-Besuchs der deutschen Bischöfe in Rom. Keine Angst also vor der vermeintlichen Überlegenheit und keine Angst vor der Konfrontation! Sehr gut! Was aber heißt genau Konfrontation? Verteidigung? Also doch Defensive? Dann lässt sich aus dieser Ermutigung ganz einfach eine Haltung der Überheblichkeit ableiten und dann wird nur noch von oben auf die anderen heruntergeschaut. Mit einer solchen Haltung aber zieht man meiner Meinung nach letztlich nur die Ängstlichen und Verunsicherten in die eigenen Reihen. Und ich persönlich möchte so eine Ghetto-Kirche nicht, die sich abschottet und in ihrer eigenen Parallelgesellschaft eingräbt. Das widerspricht dem Auftrag, für alle Menschen erreichbar zu sein. Konfrontation muss also heißen, das Kämmerlein zu verlassen, nicht zu warten, bis die böse Welt sich bessert und reumütig erkennt, dass sie die ganze Zeit falsch lag. Was die Welt braucht ist nicht Überheblichkeit, sondern sie braucht Alternativen. Das Bedürfnis nach Sinn-Glück-Erfüllung ist ja da - wie wir gesehen haben. Aber statt um sich selbst zu kreisen und die Antworten einer konsum- oder wie auch immer orientierten Gesellschaft zu verdammen, müsste die Kirche hingehen und ihre Alternativen aufzeigen. Betonung auf: hingehen!
Wer Angst hat und sich wie die Zwölf nach dem Tod Jesu einschließt, vor der Welt verschließt, kann den Auftrag nicht erfüllen. So geht Evangelisierung nicht. Angst ebenso wie Überheblichkeit - und im Übrigen auch zu viel Geld - verhindern Kreativität. Back to the roots: Die ersten Christen hatten keine Angst, hatten aber auch keinen Grund überheblich zu sein, sondern waren selbstbewusst und kreativ. Ein Beispiel: Versetzen wir uns ins 1./2. Jahrhundert nach Christus. Der griechische Heilgott Asklepios war zur Zeit der ersten Christen verbunden mit einem der beliebtesten Kulte überhaupt. Tausende Griechen und Römer - Bürger der hellenistisch-globalisierten Welt - pilgerten mit ihren körperlichen und seelischen Leiden zu den Kultstätten des Asklepios. Sie vollzogen die Heilungsprozedur und brachten ein Tieropfer dar, was letztlich verbunden war mit einer großen Party. Der Asklepioskult war ein Festkult, aber auch ein großes Geschäft. Nicht jeder konnte sich das leisten. Die Christen setzten dem „Kommerz" etwas entgegen, was auf die Dauer dazu führte, dass Christus beliebter war als Asklepios: Bei den Christen gab es auch „Heilung" an Leib und Seele, aber kostenlos, finanziert durch Güterumverteilung innerhalb der Gemeinde, denn bekanntlich hatten alle alles gemeinsam und kamen so gegenseitig für ihre Bedürfnisse auf.
Das lässt sich übertragen auf die Gegenwart: Wieso stellt zum Beispiel für viele Menschen das goldene M von McDonalds eine größere Verheißung dar, als ein Kirchturm? Das goldene M bietet den Menschen Essen, Gemeinschaft und in gewissem Sinn also eine kurze Zeit des Glücks und vielleicht sogar der Erfüllung. Wer zu McDonalds geht, erwartet offenbar auch, dass er das bekommt. Vielleicht erwarten viele Menschen nichts mehr von Kirche, weil sie nie etwas bekommen haben? Dann wird es Zeit, wieder etwas anzubieten. Das McDonald's Marketing ist offenbar besser und vielleicht müssen die Christen auch ein bisschen an ihrem „Produkt" feilen, wenn man in dem Sprachgebrauch bleibt. Und wir wissen doch auch, dass in McDonalds Produkten eine Chemikalie verwendet wird, die den Appetit anregt. Mac Donalds macht also gar nicht wirklich satt, denn es soll ja möglichst viel gegessen und möglichst viel Geld verdient werden. Wie wäre es - als Anregung zum Brainstorming und zum Spinnen von verrückten Ideen - wie wäre es, wenn die Kirche eine eigene Slow-Food-Kette aufmachte. Nicht Kirchen schließen, verkaufen oder abreißen, sondern Restaurants draus machen, in denen man am besten jederzeit einkehren kann - preiswert oder gar kostenlos. Schöne, stilvolle Orte könnten das sein, keine Museen und schon gar keine Multifunktionsräume mit Plastikboden.
Ich bin außerdem sicher, dass Kirche einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde, wenn sie ein allgemeines Fleischfasten verkünden würde als lebendigen Protest gegen die Ausbeutung von Menschen und Natur zum Beispiel im Amazonas, wo Bäume abgeholzt werden, damit unsere Schweine Soja fressen können und wir jeden Tag ein Kotelett auf dem Teller haben, wenn wir wollen.
Wie wäre es, wenn Katholiken an Fronleichnam auf die Straße gingen und nicht nur jede Gemeinde für sich, sondern alle Gemeinden in einem Sternmarsch nach Heiligendamm, um für Gerechtigkeit zu demonstrieren. Damit hätten einige sicher Schwierigkeiten und zugleich würde sich etwas Entscheidendes ändern: Kirche hätte kein Problem mehr, sie wäre wieder eines. Und ich bin sicher, ihnen - als Kirchenprofis - fallen noch viel mehr ein zu der Frage, wie Kirche ihr Problem los wird und wieder zum Problem wird.
Und dazu passt das hier, finde ich:
Dinge in Bewegung
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Heute gabs allerhand Neues im Netz. Manche Dinge sind in Bewegung.
- Eine Kampagne "Steuer gegen Armut". An sich nichts Neues, aber
bemerkenswert ist die ...
Vor 2 Tagen
