Sonntag, 22. April 2007

El Salvador

Jon Sobrino sagt nichts. Der Jesuiten-Orden hat vereinbart, dass sich einer der bedeutendsten noch lebenden Befreiungstheologen zumindest im Moment weder zu der Auseinandersetzung mit der römischen Glaubenskongregation noch zu sonst irgendetwas äußert - zu sagen gäbe es ja genug, denn immerhin sind es nur noch wenige Wochen, bis sich Mitte Mai die Bischöfe des lateinamerikanischen Kontinents treffen, um die Weichen für die kommenden Jahre zu stellen. Aber Sobrino schweigt. Ich habe ihn immerhin dazu gebracht, dass wir ihn am Schreibtisch filmen dürfen. So kann ich wenigstens im Film sagen, dass er nichts sagt.
Ich bin der Meinung, dass das Schweigen ein Fehler ist. Denn so werden die Kräfte gestärkt, die für die Versammlung in Aparecida schon das Ende der Befreiungstheologie angekündigt haben - das zumindest sagt man dem Erzbichof von El Salvador nach, Fernando Saenz Lacalle, der immerhin der Nachfolger von Oscar Romero ist. Eigenartige Konstellation.
Leider stand auch er nicht für ein Interview zur Verfügung, so dass diese interessanten Aspekte der innerkirchlichen Auseinandersetzung um die Theologie der Befreiung nicht direkt in den Film einfließen können (nur nebenbei: die Doku-Reportage über den Papstbesuch in Brasilien ist für den 13. Mai um 0.35 Uhr im ZDF vorgesehen).
Aber es gibt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich habe die Tage in El Salvador nicht nur damit verbracht, Sobrino hinterher zu laufen. Ich habe P. Martin Maier begleitet, ein deutscher Jesuit, der über die Christologie von Sobrino, also den Kernpunkt des theologischen Streits, promoviert hat und in San Salvador war, als 1989 die Jesuitenkommunität von Militärs ermordet wurde mitsamt Köchin und ihrer Tochter. In der UCA, der zentralamerikanischen Uni von San Salvador, wo diese Kommunität lebte und heute wieder eine neue lebt, erinnert im Centro Monsenor Oscar Romero eine Ausstellung an die Ereignisse. Dort habe ich Martin Maier getroffen, der von Zeit zu Zeit an der Uni doziert. Er hat auch längere Zeit in El Salvador gelebt und hat nach dem Attentat die Pfarrei eines ermordeten Mitbruders übernommen. Schon damals gab es auch Drohungen gegen den lutherischen Pfarrer und seine Frau, Pfarrer Francisco Carillo und Pfarrerin Jesus Carillo. Im vergangenen November sind die beiden vor einer Kirche in der Nähe des Ortes Jayaque von drei Jugendlichen Bandenangehörigen aus nächster Nähe erschossen worden. Verschiedenes deutet darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Fall von Bandenkriminalität handelt. Die Täter sind nach dem Mord sofort gegangen, ohne etwas zu rauben, keinen Schmuck, kein Geld, gar nichts. Eine weitere Frau, die den Mord aus nächster Nähe gesehen hat, ist verschont geblieben. Nach dem Mord sei ein weiteres Auto vorgefahren und die Täter hätten unmittelbar nach der Tat mit dem Handy telefoniert, berichten Augenzeugen und vermuten dahinter eine Art Vollstreckungsmeldung. Entscheidend ist aber sicher, dass es schon vor zwei Jahren Drohanrufe gab und die Kinder der beiden, Roxana und Wilber, beide erwachsen, haben schon damals ein ungutes Gefühl gehabt. Mit ihnen haben wir gestern ein längeres Interview geführt. Sie sagen, Ihre Eltern hätten alle Warnungen ignoriert, denn sie hätten doch niemandem etwas getan. Das aber ist der Punkt: Beide Pastoren waren sehr stark engagiert in Menschenrechtsfragen, haben sich für die Gesundheitsversorgung eingesetzt und Missstände angeprangert. Sie waren für ihre Gemeinde und den Ort auch so etwas wie eine politische Stimme. Die Bewohner dort an den Berghängen sind zum Teil Bürgerkriegsflüchtlinge, die sich angesiedelt haben und meist keine Arbeit finden oder unter schlechten Bedingungen in Fabriken, auf den Kaffee-Plantagen oder als Tagelöhner arbeiten. Ein halbes Jahr ist der Mord nun her, aber immer noch ist nicht geklärt, wer dahinter steckt. Und vermutlich wird das auch nie geklärt werden, denn die Augenzeugen schweigen aus Angst, selber zur Zielscheibe zu werden.
Für P. Martin ist klar, dass die beiden sterben mussten, weil sie Tabu-Themen angerührt haben. "Wer in El Salvador stört, muss mit dem Tod rechnen", sagt er und zieht eine direkte Linie zu den Morden an den Jesuiten 1989 und letztlich auch an Romero 1980 durch Todesschwadrone.
Wie kann das sein, fragt man sich, denn El Salvador ist ein demokratisches Land, der Bürgerkrieg vorbei. Trotzdem lebt fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze und nur ein ganz geringer Teil der Bevölkerung ist im Besitz von Vermögen, Grund und damit Macht. Im Prinzip herrscht in El Salvador immer noch eine Oligarchie, und das obwohl doch die Armen ihre Stimme erheben könnten. Warum wird nicht eine Regierung gewählt, die an den Verhältnissen etwas ändert?
Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber auch vielsagend. Zum einen können wir unsere Vorstellungen von Demokratie nicht einfach in ein Land übertragen, in dem die wenigsten Menschen lesen und schreiben können. Die meisten leben ein Leben, das ständig auf der Kippe steht, ein komplexes Gebilde, das bei der geringsten Störung auseinanderzufallen droht - praktisch heißt das: Es reicht oft gerade zum Leben, was durch Arbeit - oft nur Tagelöhnerei - an Einkommen vorhanden ist. Wird ein Familienmitglied krank, dann droht die Katastrophe - Versicherung und damit Sicherheit gibt es nicht. Diese psycho-soziale Analyse der Verhältnisse im Land erklärt vielleicht, warum dann viele gar nicht erst zur Wahl gehen oder doch wieder die alte Regierung wählen, deren Wahlkampf zum großen Teil aus apokalyptischen Warnungen vor "kubanischen Verhältnissen" oder ähnlichem besteht. Zudem ist die linke Opposition zerstritten und legt sich damit selbst Steine in den Weg.
Auch für Roxana und Wilber, die Kinder der Carillos, ist die Zukunft ungewiss. Nach dem Tod der Eltern ist die Großfamilie zerbrochen, es gibt kein sicheres Einkommen mehr. Roxana hat ihr Jura-Studium an der Uni abbrechen müssen, Wilber versucht verzweifelt Arbeit als Metallhandwerker zu finden. Und dazu kommt die Angst, selbst bedroht zu werden. In die Gemeinde ihrer Eltern haben sie sich seit dem Mord nicht mehr zurückgetraut.
Solange solche Dinge geschehen und solange es Armut und Elend gibt, wird es auch die Befreiungstheologie geben, sagt Martin Maier. Und das Beispiel zeigt vielleicht viel besser als all das, was Sobrino hätte sagen können, wo die Wurzeln der Befreiungstheologie liegen, oder viel mehr, um befreiungstheologisch zu sprechen, der Ort, wo sie gemacht wird: Es ist der Ort, an dem die Armen zu Hause sind. Nun ist der Tod der Befreiungstheologie in den vergangenen Jahren von führenden Amtsträgern in der Kirche immer wieder verkündet worden. Gustavo Gutierrez, der "Vater der Befreiungstheologie" - er hat den Begriff geprägt -, soll gesagt haben, im Falle des tatsächlichen Todes der Befreiungstheologie, wäre er sicher zur Beerdigung eingeladen worden, eine solche habe aber bisher nicht stattgefunden. Außerdem bewege ihn nicht so sehr die Frage, was aus der Befreiungstheologie wird, sondern wo die Armen im 21. Jahrhundert schlafen werden. Um die Befreiungstheologie zu verstehen, muss man also an den Ort gehen, wo die Armen sind. Vielleicht ist das letztlich die ganz banale Ursache für die unselige Auseinandersetzung mit Rom, speziell mit dem ehemaligen Chef der Glaubenskongregation und heutigen Papst, Joseph Ratzinger: Er hat nie die Einladung angenommen, einmal für einige Wochen in Südamerika in einem einfachen Dorf zu leben. Wer sein Leben hinter Kirchenmauern verbracht hat und Tage, ja Wochen lang nur ein paar Meter über den Petersplatz spazieren zu pflegte, wie soll er sich nicht vor der Befreiungstheologie fürchten, die nicht nur nicht in seine Perspektive passt, sondern seine "Ordnung" durcheinanderbringt, vielleicht sogar auf den Kopf stellt. Allerdings kann man wohl erwarten, dass jemand wie Ratzinger bzw. Benedikt XVI. intellektuell in der Lage sein sollte, über den eigenen kulturellen Hintergrund zu reflektieren und zu verstehen, dass San Salvador nicht Traunstein oder Marktl am Inn ist, oder?

Freitag, 20. April 2007

Lima 2

Die letzte Aufgabe in Lima war das Interview mit Professor Salomón Lerner, dem ehemaligen Vorsitzenden der Wahrheitskommission, die die Zeit des Bürgerkriegs in Peru untersucht hat.

Wir haben Lerner in der Katholischen Universität getroffen, wo er Professor für Menschenrechte und Demokratie ist. Dass es hier so ein Fach gibt, zeigt schon, wo die Probleme liegen. Von 1980 bis Mitte der neunziger Jahre herrschte in Peru Bürgerkrieg. Die linke Guerilla, bekannt unter dem Namen Sendero Luminoso, Leuchtender Pfad, versetzte das Land mit Attentaten und Bombenanschlägen in Angst und Schrecken. Allerdings war auch das Vorgehen des Militärs nicht zimperlich, vor allem in den Gebieten im Süden des Landes, in denen der leuchtende Pfad unter seinem Anführer Abimael Guzman besonders aktiv war, ist die Zahl der Opfer auf beiden Seiten sehr hoch.

"Das weinende Auge" heißt das Monument, das in Lima an die Opfer des Bürgerkrieges erinnern soll. Die Steine tragen die Namen der Opfer. 70.000 Menschen sind nach den Erkenntnissen der Wahrheitskommission ums Leben gekommen, ermordet worden oder verschwunden - eine Zahl doppelt so hoch, als zuvor angenommen. Die Arbeit der Kommission, die von 2002 bis 2003 gearbeitet und Informationen zusammen getragen hat, ist nicht überall beliebt. Nach der Aufdeckung eines Massakers von Militärs an Gefangenen und der Eintragung ihrer Namen im Monument, hat der Bürgermeister des Ortsteils von Lima das Monument schließen lassen - man könne nicht zulassen, dass die Namen von Terroristen neben den Opfern erscheinen. Bis heute ist das Monument nicht zugänglich und wir mussten eigens eine Genehmigung einholen. Sicher zeigt der Streit um die Frage, wer nun Opfer ist und wer nicht, dass das ganze Thema hochsensibel ist. Noch heute ist der Einfluss des Militärs groß und viele möchten die Ereignisse lieber ganz vergessen machen.

Auch Salomón Lerner ist schon bedroht worden und geht deshalb nur noch mit Bodyguards aus dem Haus. Im Dezember ist er Gast bei der Adveniat Aktion, denn Adveniat hat ein Paket von Stipendien finanziert, mit denen die Arbeit der Kommission unterstützt wurde. Allerdings hat die Kommission auch die Rolle der Kirche nicht außer Acht gelassen. Manche Kirchenfürsten, wie zum Beispiel der derzeitige Kardinal von Lima, Luis Cipriani, ein Opus-Dei-Mann und früherer Erzbischof von Ayacucho, dem Zentrum des Konfliktes. Lerner hat sich sehr zurückhaltend geäußert über die Haltung des Bischofs in diesem Konflikt. Marco Arana war da deutlicher: Er hat uns erzählt, der Bischof habe in Ayacucho ein Transparent an seinem Bischofshaus angebracht, er sei für Menschenrechtsfragen nicht zuständig.

Inzwischen bin ich in El Salvador angekommen und hoffe, dass ich morgen oder übermorgen Jon Sobrino treffen kann.

Montag, 16. April 2007

Lima 1

Wir haben in Lima eine private Pension (Google Earth) im Stadtteil San Miguel bezogen. Ist sehr preiswert und sehr angenehm. Wir haben praktisch eine Wohnung für uns alleine. Die Familie, die die Zimmer vermietet, wohnt im Nachbarhaus. Ganz in der Nähe gibt es ein Einkaufszentrum und die Hauptstraße ist um die Ecke, so dass wir mit dem Taxi überall hinkommen.

Der erste Einsatz in Lima war am Samstag mit Sr. Maria van der Linde, die ursprünglich aus dem Münsterland stammt - aus Borken! Sie ist seit mehr als 30 Jahren in Peru und inzwischen auch eingebürgert. Als gelernte Krankenschwester hat sie lange im staatlichen Gesundheitswesen gearbeitet und ist dabei mit der Tuberkulose in Kontakt gekommen.

TB ist in ganz Lateinamerika sehr verbreitet. Peru ist neben Brasilien eines der Länder, die am meisten betroffen sind. Mit ein Grund dafür ist auch die Situation in Lima, einer Stadt mit rund 8 Millionen Einwohnern, von denen die meisten in einfachen Hütten leben, die sie am Stadtrand in die Berghänge gebaut haben.

Lima selbst liegt am Meer und erstreckt sich dort über viele Kilometer in einer Küsten-Wüste.

Die Zustände in den Slums sind eine der Ursachen für die Ausbreitung der TB: Die mangelnde Hygiene und auch die Mangelernährung tragen dazu bei, dass sich die Krankheit vor allem unter den Armen ausbreitet. Das Problem ist schließlich die Behandlung der Krankheit, denn die staatlichen Stellen überlassen die Kranken meist sich selbst. Die Schwester hat nun eine Art Selbsthilfegruppe geschaffen. Die TB-Kranken treffen sich jeden Tag in einem der zahlreichen Gesundheitszentren, die die Schwester auch mit aufgebaut hat.

Dort bekommen sie eine Portion Milch, die aus Spenden finanziert wird und müssen ihre Medikamente einnehmen. Das geschieht unter den Augen der anderen, denn zum Teil gehören zur TB-Behandlung mehr als ein Dutzend verschiedene Tabletten und Präparate. Die Nebenwirkungen können erheblich sein und es kommt vor, dass die Patienten die Mittel wieder erbrechen. TB kann aber nur erfolgreich behandelt werden, wenn die Mittel wirklich kontinuierlich genommen werden, und damit die Kranken nicht einfach aussetzen, vielleicht, weil sie sich schlecht fühlen oder Angst vor den Nebenwirkungen haben, gibt es die Gruppen.

Manchmal kommen ganze Familien, die von der Krankheit betroffen sind. TB ist eine Tabu-Krankheit, ähnlich wie AIDS und so erfüllt die Gruppe auch den Zweck, Erfahrungen auszutauschen und einen Weg aus der Isolation zu finden. Andere sind auch betroffen und die Solidarität ist eine Ermutigung, die unangenehme Behandlung durchzustehen.
Inzwischen existiert ein ganzes Netz von Selbsthilfegruppen in Lima, ein Netz, dass auch politisch eine Lobby darstellt, denn letztendlich geht es Sr. Maria nicht darum, Tabletten zu verteilen, sondern die Situation der TB-Kranken zu verbessern und das heißt, die Armut in Lima zu bekämpfen. Das geht nur, wenn man die Lebensbedingungen der Menschen verbessert. Für dieses Engagment erfährt sie auch Gegenwind, zum einen politisch, aber auch innerkirchlich.

Gestern haben wir dann endlich eine Pause eingelegt und auf Kontrastprogramm geschaltet. Wir waren im Stadtteil Miraflores, der genau das Gegenteil von den Orten ist, die wir mit der Schwester besucht haben.

Larcomar (Google Earth) heißt dieser Ort oder auch dieses Gebäude, in dem sich das Marriot-Hotel befindet. Wir haben da nur mal die Lobby angeschaut - die Vorstellung, dass die Leute hier zum Teil für eine Nacht so viel Geld bezahlen, wie die Familie, die wir am Tag zuvor besucht haben nicht mal in einem Jahr zusammen bekommt, ist schon krass.

Lima liegt ja ungefähr 70 Meter über dem Meeresspiegel, Stadt und Strand sind durch einen Abhand getrennt und in diesen Hang hinein ist in Miraflores das Larcomar-Shoppingcenter gebaut, wo man auch gut essen und die Aussicht genießen kann.

Die Tage, die noch bleiben, verwenden wir jetzt darauf, uns mit Professor Salomon Lerner zu treffen, dem ehemaligen Vorsitzenden der Wahrheitskommission, die die Verbrechen im peruanischen Bürgerkrieg in den achtziger und neunziger Jahren aufgebarbeitet und unter anderem auch die Verstrickungen der Kirche in dieser Zeit aufgedeckt hat.

Samstag, 14. April 2007

Cajamarca - Bambamarca

Kein Wunder, dass Padre Marco Arana weit ueber die Grenzen von Peru hinaus bekannt ist für seinen Kampf gegen die Goldminen. Er ist so ein Hyperaktiver, ein Macher, einer von den Menschen, die drei Dinge gleichzeitig tun. Dieses Mega-Multitasking hat uns am Donnerstag einen 20-Stunden-Tag beschert.
Unser Tag mit dem Padre begann um 4.30 Uhr - um 5 Uhr war Abfahrt ins peruanische Hochland, in eine Gegend, wo es keine asphaltierten Strassen gibt und über weite Strecken auch keine Elektrizität.

Nach Sonnenaufgang erreichten wir die Goldminen von Yanacocha (Google Earth - dort sieht man das Ausmaß der Zerstörung). Eigentlich wollten wir nur kurz den Haupteingang zur Mine mit den Bürogebäuden filmen, da hatten wir schon die „Forca" an den Fersen.

Diese private Miliz besteht aus ehemaligen Soldaten, die - geschützt durch ein peruanisches Gesetz - berechtigt sind, Waffen zu tragen. Die Mine hat sie bestens ausgestattet, allerdings konnten sie gegen uns nichts ausrichten, weil die Straße, die durch die Mine führt nun einmal öffentliches Gelände ist und jeder dort filmen darf, was er will. Haben wir auch gemacht und sind dann noch viele Kilometer bis in die allerletzte Pampa von den Wachleuten verfolgt worden.
Das war ein kleiner Eindruck davon, unter welchem Druck die Initiative steht. Das Büro ist vergittert und nachts steht ein Wachmann vor der Tür, denn es gab schon mehrfach Drohungen gegen Mitarbeiter und gegen den Pater und es ist ja nicht gesagt, dass sich die Herrschaften von der Forca immer an die Gesetze halten.

Nach 7 Stunden Fahrt kamen wir dann in die Region um Bambamarca. Der Mann auf dem Bild ist ein ehemaliger Priester, ein deutscher Missionar, der jetzt in Cajamarca lebt und vor Jahrzehnten zuletzt in der Gegend war, wo er früher gearbeitet hat. Er hat uns begleitet und auch ein wenig vermittelt zwischen Aranas und unseren Interessen.

In den kleinen Dörfern, die wir besucht haben, hielten die Campesinos ihre jährliche Ronda, Versammlung.

Dazu kommen dann überall aus der Gegend Vertreter, um sich zu beraten. Der Padre hat Vortraege gehalten ueber die Minen in Peru, die vom Staat bereits 36 Prozent des Grundes zur Verfügung gestellt bekommen haben, um dort den Boden abzutragen und das Gold und andere Rohstoffe auszuwaschen.

Der Anteil des Goldes im Boden liegt zwischen einem und drei Prozent pro Tonne, daher wird das Gold mit einem chemischen Verfahren gefördert. Der Boden wird abgetragen und mit Zyanit ausgewaschen. Das Gold kann dann aus dem Abwasser gefiltert werden. Dabei wird zum einen sehr viel Wasser gebraucht und es entsteht damit eine große Menge an Abwasser, das zwar von den Minen recycelt wird - aber der Erfolg ist maessig. Wir haben an mehreren Stellen gesehen, wie das Abwasser die Steine verfärbt und trüb ist.

Und wo vorher nachweislich noch Forellen die Bäche bevölkerten ist jetzt tote Hose. Dadurch aber, dass bei dem Verfahren der gesamte Boden abgetragen und sozusagen Berge versetzt werden, verändern die Minen auch die Landschaft. In der Nähe von Cajamarca gibt es einen Berg, Kilitsch genannt (wird aber anders geschrieben), der besonders viel Gold enthält, aber auch als Wasserspeicher für die Region dient. Aufgrund der Tatsache, dass der Berg auch in der Tradition der Bevölkerung eine besondere Rolle spielt, gewissermaßen eine religiöse Bedeutung hat, kam es zu heftigen Protesten, als die Minen ankündigten, den Berg ausbeuten zu wollen. Die Campesinos blockierten die Straßen, so dass die Minen die Arbeit einstellen mussten und bisher ist der Berg verschont geblieben.
Die Campesinos in den Dörfern haben sich das alles angehört und sind somit zumindest sensibilisiert für die Folgen des Rohstoff-Abbaus. Denn selbstverständlich stellen die Minen den Campesinos die Sache etwas anders dar: Der Abbau bringt Arbeitsplätze und vor allen Dingen Geld in die Region. Natürlich erwähnt niemand, dass in erster Linie die Mine verdient - der Gewinn liegt bei 200%!!! Die Arbeit machen Spezialisten aus den USA, die Campesinos arbeiten als Leiharbeiter über outgesourcte Firmen, so dass die Mine keine Probleme mit den Arbeitsgesetzen hat. Die Arbeiter werden für drei Monate angestellt und koennen jederzeit entlassen werden. Und wie wir gesehen haben, sind auch die Entschädigungszahlungen für die Campesinos keine Hilfe, denn auch wenn die Minen inzwischen höhere Summen zahlen und die Landbesitzer bis zu 100.000 Dollar bekommen - kaum jemand in diesen Gegenden kann mit soviel Geld etwas anfangen, geschweige denn besitzt hier jemand das Wissen, wie man mit einem solchen Kapital ein Vermögen und eine Existenz aufbaut. Die Leute hier leben zum Teil ohne fließendes Wasser und Strom, haben keinen Fernseher und arbeiten mit ihren Händen und den Tieren auf dem Feld.
Der Einsatz des Padre ist sehr beeindruckend, vor allem, weil er sich gegen den Willen des Bischofs engagiert und es ihm offenbar auch gelingt, einige Priester in den abgelegenen Orten ins Boot zu holen. Die Arbeit die er macht, ist geprägt von der Befreiungstheologie - eigentlich eine Befreiungspraxis oder eben -pastoral, wie es theologisch heißt. Auch wenn er also nicht groß darüber spricht, ist die Arbeit doch inspiriert von der Idee, dass die Menschen sich zuerst ihrer Situation bewusst werden müssen und dann für ihre Interessen kämpfen können. Eine politische und soziale Arbeit also, die der Padre da macht - und das ist den Kirchenoberen ein Dorn im Auge, denn die hätten gerne, dass er sich auf die Sakramente konzentriert. Der Padre war der erste, der Klartext gesprochen hat im Bezug auf die bevorstehende lateinamerikanische Bischofskonferenz. Dort steht im Mai die Problematik der Sekten und Pfingstkirchen auf der Tagesordnung, die sich seit 15 Jahren in Lateinamerika ausbreiten. Padre Arana sagt, das Problem der Sekten sei relativ gering im Vergleich zu den sozialen und politischen Problemen. Die Armut wächst und der Abbau der Rohstoffe bringt auch Umweltprobleme mit sich, die eine Herausforderung für die Kirche sind. Seiner Meinung nach ist die Sektenproblematik ein Täuschungsmanöver der Kreise, die die Kirche aus der Gesellschaft heraushalten und ins religiöse Ghetto bringen wollen.
Das alles zu besprechen hat unendlich lange gedauert und der Padre hat sich wirklich Zeit gelassen. Hier noch ein Gespräch und da noch was Essen. Es war bereits dunkel als wir - mit 20 Campesinos auf der Ladefläche - den Rückweg angetreten haben. Und weil wir noch diesen oder jenen zu Hause absetzen mussten, dauerte das ganze Unternehmen Rückfahrt bis 1 Uhr nachts.

Wir saßen also an diesem Tag insgesamt 13 Stunden eingequetscht mit dem gesamten Equipment in einem kleinen Geländewagen, der uns bei jedem Schlagloch (und die ganze Straße bestand eigentlich nur aus Schlag- und Schlammlöchern) aus dem Sitz geworfen hat, so dass ich gar nicht zum Ausdruck bringen kann, wie schlecht mir nach dieser Fahrt war.

Mittwoch, 11. April 2007

Cajamarca

Cajamarca liegt mit dem Bus 860 km noerdlich von Lima auf einer Hoehe von 2700 m. Alles ist hier gruen und saftig, die Regenzeit geht aber gerade zu Ende.

Hier ein Bild der Plaza, also dem Stadtzentrum. Ein bedeutender historischer Ort, denn dort, wo der Brunnen steht, etwas unscheinbar vor der Kirche St. Franziskus, hat Francisco Pizarro den letzten Inkaherrscher Atahualpa getoetet. Der hatte sich zuvor durch einen Handel versucht zu befreien: Er hatte dem Spanier angeboten, ein ganzes Zimmer voll Gold als Loesegeld fuer seine Freiheit zu bezahlen. Die Geschichte zeigt, dass dieser Ort schon immer mit dem Gold verbunden war. Unweit der Stadt liegen die modernen Goldminen, die wir morgen besuchen. Heute wird das Gold mit Zyanit ausgewaschen, was erhebliche Umweltgefahren mit sich bringt, aber dazu dann mehr.

Lange war die Stadt ein kleines koloniales Nest, bis die Goldminen vor rund 15 Jahren alles veraendert haben. Inzwischen hat sich das Stadtgebiet mindestens verfuenffacht. Viele Campesinos, denen die Mine ihr Land abgeluxt hat, sind in die Stadt gezogen und leben heute in aermlichen Verhaeltnissen.

Wir haben heute einen solchen Campesino besucht: Nicolas hat schon vor vielen Jahren sein Land, immerhin 300 Hektar, an die Mine verkauft, fuer etwa 30.000 Dollar. Heute wuerden er und seine Frau am liebsten alles rueckgaengig machen.

So ganz genau habe ich noch nicht verstanden, wie die Mine es geschafft hat, ihm das Land abzunehmen, aber es hat auch viel damit zu tun, dass er weder lesen noch schreiben konnte und offenbar gar nicht richtig verstanden hat, was geschieht. Von der rosigen Zukunft, die er sich damals ausgemalt hatte - oder die ihm von den Minen-Vertretern ausgemalt wurde, hat sich jedenfalls nichts realisiert und damals wie heute koennen die wenigsten mit dem vielen Geld und der "neuen Existenz" richtig umgehen. Da ist ganz schnell alles verloren.

Die Mine sorgt bis heute fuer Streit und treibt auch die Leute auf die Strasse - wir sind heute in eine Demonstration geraten, worum es genau ging, haben wir nicht in Erfahrung bringen koennen, aber letztlich geht es immer um das Gold. Mehr als ein Drittel der gesamten Region steht bereits der Mine zur Verfuegung, denn das peruanische Gesetz erlaubt nur den Privatbesitz der Oberflaeche bis zu einem Meter darunter. Was dann kommt, gehoert dem Staat und die Regierung hat der Mine die Erlaubnis erteilt, die Region auszubeuten, vorausgesetzt, es kommt zur Einigung mit den Menschen, die das Land besitzen. Wie diese Einigung aussieht, kann man sich vorstellen. Die Bauern werden erheblich unter Druck gesetzt und auch der Priester, Marco Arana, mit dem wir heute unterwegs waren spuert diesen Druck. Er und die Mitarbeiter seiner Umweltschutz-Initiative "Grufides" werden bespitzelt und es gab auch schon Morddrohungen. Morgen fahren wir zu einem Treffen mit Campesinos, die sich gegen die Mine wehren wollen.

Das Problem ist, dass der Padre zwischen allen Stuehlen agiert. Nicht nur die Mine feindet ihn an, nicht nur die Leute, auch Campesinos, die vom Goldabbau profitieren oder zumindest glauben, sie koennten profitieren. Auch der Bischof und damit die Amtskirche vor Ort ist im Prinzip gegen die Arbeit von Grufides. Der Bischof hat von der Mine 120.000 Dollar bekommen - hat sich also kaufen lassen. Die Sache hat allerdings auch einen theologischen Hintergrund, denn letztlich steht der Bischof, ebenso wie sein spanischer Vorgaenger, fuer eine Position, die den Rueckzug der Kirche in ein spirituelles Ghetto propagiert.

Fuer politisches Engagement ist in diesem Welt- und Gottesbild kein Platz. Und scheinbar ist das auch die Linie des Vatikan, denn im Grunde steht das Engagement gegen die Umweltverschmutzung und die Ausbeutung von Erde und Menschen hier in der Region ganz in der Tradition der Kirche des Zweiten Vatikanums, aus der hier in Lateinamerika die Befreiungstheologie hervorgegangen ist. Die Verurteilung der theologischen Schriften von Jon Sobrino, einem der bekanntesten Befreiungstheologen, vor wenigen Wochen macht deutlich, wo heute amtskirchlich die Prioritaeten liegen. Soziales und politisches Engagement kommt da jedenfalls ganz am Schluss - wenn ueberhaupt - vor.

Dienstag, 10. April 2007

Potosi - La Paz - Lima

Bin gerade am Flughafen in Lima und nutze die letzten Minuten vor dem Weiterflug nach Cajamarca zu den Goldminen fuer einen kleinen Rueckblick:

Die Suppe heisst Kalapurca und wird mit einem gluehnd heissen Vulkanstein serviert, deshlab blubbert sie ganz fuerchterlich. Eine bolivianische Spezialitaet, die mir allerdings in der Erinnerung schwer im Magen liegt. Am naechsten Tag, dem Tag der Rueckfahrt nach La Paz, hat es mich schwer getroffen: Mir war uebel, ich hatte Durchfall und auch noch Kopfschmerzen und wusste jetzt gar nicht mehr, ob es die Suppe ist, oder die Hoehenkrankheit. Wahrscheinlich beides.

Deshalb habe ich auch die Indianerband verpasst, die auf der Rueckfahrt fuer uns gespielt hat. Da lag ich beim Bischof im Bett und hab die Hoehenkrankheit einfach ausgeschlafen.

Zum Abschluss noch ein kleines Schmankerl vom Hexenmarkt in La Paz (Google Earth): Lamafoeten, die man in Bolivien zur Hauseinweihung braucht. Was damit genau angestellt wird, weiss ich nicht - moechte ich auch gar nicht wissen.
Jetzt geht es weiter nach Cajamarca in die Goldminen. Wir haben drei Stunden gebraucht, um den Hinflug zu buchen. Hier ist Ferienzeit und alle wollen in den heissen Quellen von Cajamarca baden, scheint mir. Gluecklicherweise haben wir noch zwei Plaetze ergattert - ueber die Rueckreise mussen wir dann nochmal nachdenken. Bis jetzt sind alle Fluege diese Woche ausgebucht.

Freitag, 6. April 2007

La Paz - Potosi

Ziemlich bunt alles hier, vor allem die traditionellen Trachten der Frauen.

Der Hut stammt Uebrigens von den Spanierinnen. Irgendwann vor einigen hundert Jahren haben die Eroberer den Indios die Tracht verboten und die haben kurzerhand die "Tracht" der vornehmen Spanierinnen Uebernommen. Urspruenglich eigentlich als Protest: Die Einheimischen wollten die weissen Damen veraeppeln. Die weissen Damen tragen laengst keine Huete mehr, aber in der typischen Tracht in Bolivien sind die Huete bis heute fester Bestandteil geblieben.

Wir haben am Mittwoch erstmal einen Reisetag eingelegt und sind von La Paz nach Potosi gefahren zusammen mit Michael Meyer von der Bistumspartnerschaft Bolivien-Trier und seinem Gelaendewagen namens "Benedetto".

Die Fahrt ging einige hundert Kilometer ueber den Altiplano, die grosse Hochebene Boliviens, die man kaum fotografieren kann. Unglaublich, dass hier ueberhaupt Menschen leben.

Knapp 7 Stunden dauert die Fahrt. Die Strasse ist erst ein paar Jahre alt - sonst waeren wir nicht so einfach nach Potosi gekommen. Allerdings haben wir dann kurz vor der Stadt einen Eindruck von den aktuellen Verhaeltnissen in Bolivien bekommen. Wir sind in eine Blockade geraten.

Diese Blockaden gibt es hier regelmaessig. In diesem Fall haben die Lastwagenfahrer im Land protestiert gegen ein Gesetz, dass sie ab sofort zu Steuerzahlungen verpflichtet. Die Blockade ist das Druckmittel der einfachen Leute geworden, fuer jede Kleinigkeit wird der Verkehr im Land lahm gelegt. Wir hatten uns schon darauf vorbereitet, die Nacht im Auto zu verbringen, da hat sich die Blockade dann doch aufgeloest. Wahrscheinlich weil es den Demonstranten zu kalt geworden ist, oder sie haben sich den Aufruf des Bischofs zu Herzen genommen, wenigstens die Karwoche, die Semana Santa, mit Blockaden zu verschonen.

Die erste Nacht in Potosi, immerhin 4100 Meter hoch, war ok. Der Cerro Rico (Google Earth) beherrscht hier das Stadtbild - der Silberberg, durchlšchert wie ein Schweizer Kaese.

Seit Jahrhunderten arbeiten sich ueberall die Mineros in den Berg auf der Suche nach einer lukrativen Silberader.

Seit die Silber- und Zinnpreise auf dem Weltmarkt wieder gestiegen sind, ist auch in Potosi wieder was los. Hier gibt es kaum mehr einen Handwerker - wer kann, geht in die Mine.

Unser Protagonist war frueher bei der Kirche angestellt und ist nach der Rente wieder in die Mine gegangen, obwohl er gesundheitlich angeschlagen ist und die staubige Arbeit auf die Lungen geht.

Wir haben ihn in den Schacht begleitet und er hat uns die Geschichte des Berges erzaehlt, der hier vom Tio bewacht wird, einer Figur, die an jedem Schachteingang einen besonderen Platz hat, und der der Minero Kokablaetter und hochprozentigen Alkohol darbringt, damit ihn der Tio beschuetzt.
Die ganze Aktion war ziemlich anstrengend. Wir haben zwar Kokablaetter gekaut, gegen die Hoehenkrankheit, aber irgendwie hat es uns doch erwischt, auch wenn man das auf diesem Bild nicht sieht.

Mittwoch, 4. April 2007

Frankfurt - Caracas - Lima - La Paz

24 Stunden dauert die kuerzeste Verbindung von Frankfurt nach Lima. Jetzt sitze ich hier in La Paz in einem suessen Hotel, das bevoelkert ist von amerikanischen Touristen. La Paz liegt 3000 Meter hoch und das macht sich jetzt bemerkbar: Ich fuehle mich wie ein Sandsack. Eigentlich wollte ich meine Sachen heute morgen nochmal umpacken, um nicht alles nach Potosi mitzunehmen, aber ich hatte keine Kraft. Und es ist besser, die Sache jetzt ruhig anzugehen, denn Potosi ist die hoechstgelegene Grossstadt der Welt - 4000 Meter hoch. Aber wir haben den ganzen Tag Zeit fuer die Fahrt.
In Caracas hatten wir gestern 2 Stunden aufenthalt und mussten dringend was trinken. Also habe ich kurzer Hand 5 Euro getauscht und dafuer rund 14000 Bolivares bekommen von der netten Dame am Exchange-Schalter. Allerdings hat das eine Viertelstunde gedauert, weil ich erst ein Formular ausfuellen musste, sie meinen Reisepass kopiert hat und ich am Ende nicht nur unterschrieben, sondern auch einen Fingerabdruck mit dem rechten Daumen abgeliefert habe.















Jetzt weiss Herr Chávez, dass ich gestern um 16:55 am Flughafen 5 Euro getauscht habe. Soviel zu den neuen "bolivarischen" Verhaeltnissen in Venezuela.