Jon Sobrino sagt nichts. Der Jesuiten-Orden hat vereinbart, dass sich einer der bedeutendsten noch lebenden Befreiungstheologen zumindest im Moment weder zu der Auseinandersetzung mit der römischen Glaubenskongregation noch zu sonst irgendetwas äußert - zu sagen gäbe es ja genug, denn immerhin sind es nur noch wenige Wochen, bis sich Mitte Mai die Bischöfe des lateinamerikanischen Kontinents treffen, um die Weichen für die kommenden Jahre zu stellen. Aber Sobrino schweigt. Ich habe ihn immerhin dazu gebracht, dass wir ihn am Schreibtisch filmen dürfen. So kann ich wenigstens im Film sagen, dass er nichts sagt.
Ich bin der Meinung, dass das Schweigen ein Fehler ist. Denn so werden die Kräfte gestärkt, die für die Versammlung in Aparecida schon das Ende der Befreiungstheologie angekündigt haben - das zumindest sagt man dem Erzbichof von El Salvador nach, Fernando Saenz Lacalle, der immerhin der Nachfolger von Oscar Romero ist. Eigenartige Konstellation.
Leider stand auch er nicht für ein Interview zur Verfügung, so dass diese interessanten Aspekte der innerkirchlichen Auseinandersetzung um die Theologie der Befreiung nicht direkt in den Film einfließen können (nur nebenbei: die Doku-Reportage über den Papstbesuch in Brasilien ist für den 13. Mai um 0.35 Uhr im ZDF vorgesehen).
Aber es gibt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich habe die Tage in El Salvador nicht nur damit verbracht, Sobrino hinterher zu laufen. Ich habe P. Martin Maier begleitet, ein deutscher Jesuit, der über die Christologie von Sobrino, also den Kernpunkt des theologischen Streits, promoviert hat und in San Salvador war, als 1989 die Jesuitenkommunität von Militärs ermordet wurde mitsamt Köchin und ihrer Tochter. In der UCA, der zentralamerikanischen Uni von San Salvador, wo diese Kommunität lebte und heute wieder eine neue lebt, erinnert im Centro Monsenor Oscar Romero eine Ausstellung an die Ereignisse. Dort habe ich Martin Maier getroffen, der von Zeit zu Zeit an der Uni doziert. Er hat auch längere Zeit in El Salvador gelebt und hat nach dem Attentat die Pfarrei eines ermordeten Mitbruders übernommen. Schon damals gab es auch Drohungen gegen den lutherischen Pfarrer und seine Frau, Pfarrer Francisco Carillo und Pfarrerin Jesus Carillo. Im vergangenen November sind die beiden vor einer Kirche in der Nähe des Ortes Jayaque von drei Jugendlichen Bandenangehörigen aus nächster Nähe erschossen worden. Verschiedenes deutet darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Fall von Bandenkriminalität handelt. Die Täter sind nach dem Mord sofort gegangen, ohne etwas zu rauben, keinen Schmuck, kein Geld, gar nichts. Eine weitere Frau, die den Mord aus nächster Nähe gesehen hat, ist verschont geblieben. Nach dem Mord sei ein weiteres Auto vorgefahren und die Täter hätten unmittelbar nach der Tat mit dem Handy telefoniert, berichten Augenzeugen und vermuten dahinter eine Art Vollstreckungsmeldung. Entscheidend ist aber sicher, dass es schon vor zwei Jahren Drohanrufe gab und die Kinder der beiden, Roxana und Wilber, beide erwachsen, haben schon damals ein ungutes Gefühl gehabt. Mit ihnen haben wir gestern ein längeres Interview geführt. Sie sagen, Ihre Eltern hätten alle Warnungen ignoriert, denn sie hätten doch niemandem etwas getan. Das aber ist der Punkt: Beide Pastoren waren sehr stark engagiert in Menschenrechtsfragen, haben sich für die Gesundheitsversorgung eingesetzt und Missstände angeprangert. Sie waren für ihre Gemeinde und den Ort auch so etwas wie eine politische Stimme. Die Bewohner dort an den Berghängen sind zum Teil Bürgerkriegsflüchtlinge, die sich angesiedelt haben und meist keine Arbeit finden oder unter schlechten Bedingungen in Fabriken, auf den Kaffee-Plantagen oder als Tagelöhner arbeiten. Ein halbes Jahr ist der Mord nun her, aber immer noch ist nicht geklärt, wer dahinter steckt. Und vermutlich wird das auch nie geklärt werden, denn die Augenzeugen schweigen aus Angst, selber zur Zielscheibe zu werden.
Für P. Martin ist klar, dass die beiden sterben mussten, weil sie Tabu-Themen angerührt haben. "Wer in El Salvador stört, muss mit dem Tod rechnen", sagt er und zieht eine direkte Linie zu den Morden an den Jesuiten 1989 und letztlich auch an Romero 1980 durch Todesschwadrone.
Wie kann das sein, fragt man sich, denn El Salvador ist ein demokratisches Land, der Bürgerkrieg vorbei. Trotzdem lebt fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze und nur ein ganz geringer Teil der Bevölkerung ist im Besitz von Vermögen, Grund und damit Macht. Im Prinzip herrscht in El Salvador immer noch eine Oligarchie, und das obwohl doch die Armen ihre Stimme erheben könnten. Warum wird nicht eine Regierung gewählt, die an den Verhältnissen etwas ändert?
Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber auch vielsagend. Zum einen können wir unsere Vorstellungen von Demokratie nicht einfach in ein Land übertragen, in dem die wenigsten Menschen lesen und schreiben können. Die meisten leben ein Leben, das ständig auf der Kippe steht, ein komplexes Gebilde, das bei der geringsten Störung auseinanderzufallen droht - praktisch heißt das: Es reicht oft gerade zum Leben, was durch Arbeit - oft nur Tagelöhnerei - an Einkommen vorhanden ist. Wird ein Familienmitglied krank, dann droht die Katastrophe - Versicherung und damit Sicherheit gibt es nicht. Diese psycho-soziale Analyse der Verhältnisse im Land erklärt vielleicht, warum dann viele gar nicht erst zur Wahl gehen oder doch wieder die alte Regierung wählen, deren Wahlkampf zum großen Teil aus apokalyptischen Warnungen vor "kubanischen Verhältnissen" oder ähnlichem besteht. Zudem ist die linke Opposition zerstritten und legt sich damit selbst Steine in den Weg.
Auch für Roxana und Wilber, die Kinder der Carillos, ist die Zukunft ungewiss. Nach dem Tod der Eltern ist die Großfamilie zerbrochen, es gibt kein sicheres Einkommen mehr. Roxana hat ihr Jura-Studium an der Uni abbrechen müssen, Wilber versucht verzweifelt Arbeit als Metallhandwerker zu finden. Und dazu kommt die Angst, selbst bedroht zu werden. In die Gemeinde ihrer Eltern haben sie sich seit dem Mord nicht mehr zurückgetraut.
Solange solche Dinge geschehen und solange es Armut und Elend gibt, wird es auch die Befreiungstheologie geben, sagt Martin Maier. Und das Beispiel zeigt vielleicht viel besser als all das, was Sobrino hätte sagen können, wo die Wurzeln der Befreiungstheologie liegen, oder viel mehr, um befreiungstheologisch zu sprechen, der Ort, wo sie gemacht wird: Es ist der Ort, an dem die Armen zu Hause sind. Nun ist der Tod der Befreiungstheologie in den vergangenen Jahren von führenden Amtsträgern in der Kirche immer wieder verkündet worden. Gustavo Gutierrez, der "Vater der Befreiungstheologie" - er hat den Begriff geprägt -, soll gesagt haben, im Falle des tatsächlichen Todes der Befreiungstheologie, wäre er sicher zur Beerdigung eingeladen worden, eine solche habe aber bisher nicht stattgefunden. Außerdem bewege ihn nicht so sehr die Frage, was aus der Befreiungstheologie wird, sondern wo die Armen im 21. Jahrhundert schlafen werden. Um die Befreiungstheologie zu verstehen, muss man also an den Ort gehen, wo die Armen sind. Vielleicht ist das letztlich die ganz banale Ursache für die unselige Auseinandersetzung mit Rom, speziell mit dem ehemaligen Chef der Glaubenskongregation und heutigen Papst, Joseph Ratzinger: Er hat nie die Einladung angenommen, einmal für einige Wochen in Südamerika in einem einfachen Dorf zu leben. Wer sein Leben hinter Kirchenmauern verbracht hat und Tage, ja Wochen lang nur ein paar Meter über den Petersplatz spazieren zu pflegte, wie soll er sich nicht vor der Befreiungstheologie fürchten, die nicht nur nicht in seine Perspektive passt, sondern seine "Ordnung" durcheinanderbringt, vielleicht sogar auf den Kopf stellt. Allerdings kann man wohl erwarten, dass jemand wie Ratzinger bzw. Benedikt XVI. intellektuell in der Lage sein sollte, über den eigenen kulturellen Hintergrund zu reflektieren und zu verstehen, dass San Salvador nicht Traunstein oder Marktl am Inn ist, oder?
Video über Erwin Kräutler
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Bischof Erwin Kräutler feierte am 12. Juli seinen 70. Geburtstag. Die
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Vor 23 Stunden











































